Der Winzerverein Oberrotweil, eine der renommierten Winzergenossenschaften am Kaiserstuhl, zählt aktuell rund 200 Mitglieder – überwiegend Familienbetriebe, die seit Generationen Weinbau betreiben. Die Genossenschaft bewirtschaftet eine Rebfläche von etwa 400 Hektar, die sich über die charakteristischen Terrassen des Kaiserstuhls erstrecken. Gegründet wurde hier eine Genossenschaft bereits 1905. Durch verschiedener Umbrüche kam es zur Neugründung 1935 als Winzerverein, was ihn zu einer der ältesten Genossenschaften der Region macht.
Mit der monatlichen Veranstaltungsreihe `Badisch Bullerbü? Landwirtschaft im Wandel´, gab es im Januar 2026 die exklusive Gelegenheit direkte Eindrücke vom Ausbau über den Genuss bis hin zu den aktuellen Herausforderungen im Weinbau zu bekommen. Organisiert wird die Reihe vom Ernährungsrat Freiburg & Region e.V., der Evangelische Erwachsenenbildung Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald und dem Kirchlicher Dienst auf dem Land.
Fotos: Betriebsbesichtigung Winzerverein Oberrotweil,
Austausch vom Ausbau (r.) bis zum Genuss (l.).
Auch im Winter gibt es im Weinbau reichlich zu tun. Dennoch fand eine Winzergenossenschaft Zeit für rund zehn Interessierte zur monatlichen Dialog- Veranstaltungsreihe `Badisch-Bullerbü?´. Diesmal führte der Weg nicht auf Felder oder in Ställe, sondern in die Welt des Weins: zum Winzerverein Oberrotweil am Kaiserstuhl. Das Winzerehepaar Claus und Christiane Wangler boten nicht nur eine Verkostung der preisgekrönten Weine, sondern auch tiefgehende Einblicke in die Herausforderungen des modernen Weinbaus.
Der Abend begann im stilvoll gestaltetem Probiersaal. Hier zeigt die Genossenschaft in Architektur und kreativen Labeln, wie Tradition und moderner Genuss zusammenkommen können. Zur Auswahl standen die klassischen Burgund und Aromasorten wie Gewürztraminer und Muskateller. Starter war die limitierte Edition eines Winzersekts mit 999 individuell gestalteten Etiketten – Kunstwerke von Oberrotweiler Winzerinnen und Weinfreundinnen mit Kreativität, Leidenschaft und einem Herz für den guten Zweck, denn mit jeder Flasche geht 1 € an die FRIG – Freiburger Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt.
Nach der ersten Verköstigung ging es in die Tiefen des Kellers, in dem Weine in Fässern mit bis zu 100.000 Litern assungsvermögen ausgebaut und gelagert werden. Ein besonderes Highlight: das größte Eichenfass in Baden aus dem Jahr 1938, das noch immer im Einsatz ist und mehrere Tausend
Liter Wein fasst – wie viel genau, soll hier nicht vorweggenommen werden. Ein Besuch in der renommierten Winzergenossenschaft mit vielseitigem Sortiment aus ausschließlich Kaiserstühler Trauben, lohnt sich allemal. Die nachhaltige Nutzung des historischen Fasses ist nur ein Beispiel für die Bemühungen der Genossenschaft, Tradition und Fortschritt zu verbinden. Doch nicht nur die Fässer, sondern auch die Regionalität stand im Fokus. Der Winzerverein beliefert nicht nur Großhändler, sondern auch lokale Märkte, Gastronomie und Lebensmitteleinzelhandel. Themen waren der Rückgang des Weinkonsums in Deutschland, die günstige Konkurrenz aus dem Ausland und das beschädigte Image von Wein als alkoholhaltiges Getränk. Entgegen eines weit verbreiteten Eindruck, gibt es kaum Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen. Betont wurde auch der aufwendige und teure Prozess der Entalkoholisierung komplex hergestellter Weine, weshalb der Griff zur Traubensaftschorle wohl die nachhaltigere Alternative wäre.
Der Klimawandel macht auch vor dem Kaiserstuhl nicht halt. Die ortstypische Terrassenlandschaft bietet zwar traditionell gute Voraussetzungen für die Bewässerung, den Wasserrückhalt und nun auch für die maschinelle Ernte, doch kommt zusätzlich der Strukturwandel hinzu. Aufgrund
sinkender Nachfrage und Preise, geben mehr und mehr Betriebe auf. Es kommt zunehmend zu verwildernden Weinbergen – ein Problem, da diese Brutstätten für Schädlinge und Pilzkrankheiten sein können. Als weitere Einkommensmöglichkeit hat sich zwar der Tourismus etabliert, doch
Ansätze für die alternative Landnutzung, wie Agri-Photovoltaik, stehen noch am Anfang. Forschungseinrichtungen am Kaiserstuhl arbeiten an Lösungen, die besichtigt werden können. Ein überraschender Aspekt: Die Böschungen zwischen den Terrassen entwickeln sich zu Hotspots
der Biodiversität. In dieser überprägten Kulturlandschaft finden seltene Insekten oder Vögel wie der Bienenfresser ein Zuhause – ein Beispiel dafür, wie intensiver Weinbau und Artenschutz Hand in Hand gehen können, wenn entsprechender Rückzugsraum, Schonzeiten und sachgemäße Pflege der Magerböschungen und Hecken gewährleistet sind. So haben die Winzer:innen am Kaiserstuhl wenig Interesse an einer Polarisierung zwischen Naturschutz und Weinbau oder bio und konventionell. Vielmehr suchen sie nach Lösungen für einen klimaresilienten Weinbau.
Ein zentraler Appell des Abends: Wein ist ein Luxusprodukt, das Wertschätzung verdient. Die Genossenschaft wünscht sich ein Bewusstsein der Verbraucher:innen für regionale Weine und die Bereitschaft, faire Preise zu zahlen. Denn nur so kann der Weinbau am Kaiserstuhl auch in Zukunft
bestehen – als lebendige Kulturlandschaft, wirtschaftlicher Faktor und kulinarischer Genuss im gesunden Maße. Der Abend beim Winzerverein Oberrotweil zeigte: Weinbau ist mehr als nur die Herstellung eines Getränks. Es geht um Geschichte, Handwerk, Kulturlandschaft, Klimaresilienz und Gemeinschaft.
Die Herausforderungen sind groß, doch die Leidenschaft der Winzer:innen und die Suche nach nachhaltigen Lösungen machen Hoffnung. Vielleicht ist es an der Zeit, beim nächsten Glas Wein nicht nur den Geschmack, sondern auch die Geschichte und die Menschen dahinter zu würdigen.
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